Der erste Deutsch-Spanische Poetry Slam auf Teneriffa

Unzensierte Poesie vor einem Live-Publikum? Eine lang existierende Idee wurde in eine moderne Form gebracht: Der erste Deutsch-Spanische Poetry Slam auf Teneriffa fand am 22. September in der Siam Mall statt. Bei diesem handelt es sich um einen auf einer Bühne gehaltenen Dichterwettstreit. Jeder Poet hat fünf Minuten Zeit um mit dem eigenen Text den lautesten Applaus aus dem Publikum zu gewinnen. Einzige Regel: Keine Requisiten (außer Notizen) und ein selbstgeschriebener Text.

Die deutsche Poetry Slam Szene ist nach der US-Szene die Zweitgrößte auf der Welt. Auch in Spanien wächst die Nachfrage was die moderne Poesie angeht, gerade in Szenestädten wie Barcelona.

Unsere Idee: Warum bringen wir das Ganze nicht nach Teneriffa?

Im Gegensatz zur eigentlichen Vorgehensweise war unser Poetry Slam kein Wettkampf: die eingeflogenen Poeten traten für das Rezitieren an sich auf und performten teilweise gemeinsam. Deshalb gab es keinerlei Regeln: die Dichter durften ihre Kreativität raushängen lassen und brachten ein einzigartiges Erlebnis auf die Insel.

Wolf Hogekamp ist Vater des deutschsprachigen Poetry Slams und hat das Konzept in den 90er Jahren nach Deutschland gebracht. Er nutzte den regellosen Auftritt um Poesie mit Musik zu vereinen: In Kooperation mit anderen Künstlern hat er im Voraus Audioaufnahmen gemacht und verwandelte die Bühne kurzerhand in einen Rave-Club. Das begeisterte Publikum ließ sich leicht zum Mitsingen und (allerdings im Sitzen) mitschunkeln animieren. Seine Texte über das Berliner Nachtleben und Puppen ließen ordentlich schmunzeln.

Julian Heun ist Romanautor, Moderator bei Radio Fritz, Berliner Meister im Poetry Slam und deutscher Vizemeister im Team. Er hat den Slam gekonnt moderiert und behandelte variierte Themen in seinen Texten. Der „Lassmann“, der in den Tiefen schlummert und immer dann hervortritt, wenn eine mutige Entscheidung gemacht werden muss sowie die Oma, die nach einem Likör immer Lust auf ein Lied bekommt.

Persönlich und teilweise abstrakt fusionierte er einen Auftritt mit Stefan Dörsing, ebenfalls deutscher Vizemeister im Team und Karatemeister und beide malten ein literarisches Bild vom „Wassermann“. Stefan selbst legte Wert darauf, dass seine Texte genauso persönlich wie lustig aufgenommen wurden: Mit einem Bananen-T-Shirt bekleidet erzählte er von den Vorteilen des Scheiterns. Gemeinsam gab es sogar akrobatische Acts zwischen den Texten: Das Publikum bekam nicht nur auf die Ohren, sondern durfte Zeuge von Handständen, Beatbox-Sounds und Zaubertricks werden.

Die Zuhörer wurden mit erfahrenen Poeten im Veteran-Status verwöhnt.
Der spanische Teil des Programms wurde von Dani Orviz übernommen. Er hat sich einen Namen in Barcelona gemacht und brachte einige Texte für das kanarische Publikum mit. Bei diesem arbeitete er mit vollem Körpereinsatz: Durch Bewegung und Geräusche vermittelte er die spanische Lyrik an jeden mit Ohren und Augen. Das Klingeln des Weckers, das Autofahren und das Ping-Pong des sich immer wiederholenden Alltags: Seine von Sounds untermalte Poesie berichtete von den Schwierigkeiten des modernen Lebens und von den Gedanken, die sich zu oft ungewollt in den Kopf stehlen. Mit den unterstreichenden Bewegungen und akustischen Additionen fand er eine kreative Lösung, um seine Texte auch für das deutschsprachige Publikum verständlich zu machen.

Über 50 Zuhörer, Deutsche wie auch Spanier, haben sich zusammengefunden, um den „Slammern“ bei ihren Vorträgen zu lauschen. Insgesamt fand der Slam sehr positiven Anstoß. Poeten und Publikum hatten eine Menge Spaß und die Texte sind definitiv in Erinnerung geblieben. Zunächst wurden die kreativen Köpfe wieder nach Hause geflogen, doch eine weitere Ausführung in der Zukunft wird definitiv antizipiert.

-Isabelle Wiermann

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